Alte Stadtschule

Domplatz 5

Bischofshaus & Alte Stadtschule Innsbruck
Wissenswert

Im Schatten des Doms zu St. Jakob befindet sich das Gebäude, das die erste Stadtschule Innsbrucks beheimatete. Das nüchterne Gebäude, in dem heute der Innsbrucker Bischof seinen Wohnsitz hat, beherbergte wahrscheinlich seit dem 13. Jahrhundert eine erste Bildungsstätte. Mit der Stadtwerdung Innsbrucks wollte man nicht mehr hinter dem Nachbarn Wilten hinterherhinken. Damals wurden allerdings exklusiv Kleriker in Lesen, Schreiben und Latein für den Messdienst und das Kopieren von Schriften ausgebildet, von einer Volksschule im wahrsten Sinne des Wortes war noch keine Rede. Eine erste Erwähnung fand eine allgemeinere Unterrichtsanstalt in den Stadtchroniken im 14. Jahrhundert. Mit der Wandlung Innsbrucks vom Dorf zur Stadt waren neue Berufsgruppen und damit auch neue Anforderungen an die Bildung dazugekommen. Zunehmend mussten auch Handwerker für kaufmännische Tätigkeiten zumindest Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen besitzen.  Natürlich besuchte nicht jedes Kind die mittelalterliche Schule. Es waren vor allem die Kinder des Bürgertums und der Oberen der Handwerkszünfte, die für ihren Beruf Lesen, Schreiben, Religion, teilweise Latein und Rechnen lernen sollten. Die Aristokratie wurde meist von Privatlehrern in den eigenen Gemächern unterrichtet.

Es ist kein Zufall, dass sich die Schule in der Nähe der Kirche ansiedelte. Der Schulmeister oder Scolasticus wurde zwar vom Gemeinderat der Stadt Innsbruck bestellt, die Obhut über die Ausbildung der Zöglinge aber oblag der Kirche. Die Kosten für die Stadtschule trugen Bürger, die es sich leisten konnten, über das Schulgeld für ihre Sprösslinge. Begabte Kinder aus weniger betuchten Schichten oder gar Waisenkinder, die sogenannten Pauperes wohnten häufig im Schulgebäude und mussten als Gegenleistung für den Unterricht Kirchendienst leisten. Die Lebenserhaltungskosten dieser Schüler wurden ebenfalls teils von wohlhabenden Stadtbürgern übernommen. Als Gegenleistung mussten die Buben für das Seelenheil ihrer Gönner beten. Waren die Zeiten schlecht, mussten sich diese Pauperes ihre Nahrung erbetteln. Die Schüler trugen auch zum Schulbetrieb bei, indem sie die Reinigung der Schulzimmer übernahmen und Dinge wie Brennholz sammelten. Wenig überraschend herrschte an der Schule ein strenges Regiment. In einer Notiz aus dem 16. Jahrhundert wurde der Scolasticus ermahnt, auf den Einsatz „…der Fäuste, des Haarraufens und Kopfschlagens“ zu verzichten. Neben Katechismus, Lesen, Schreiben und Rechnen wurden die Zöglinge auch im Chorgesang ausgebildet. Besonders in der kalten Winterzeit ging der Schulmeister mit den Sängern zu den wohlhabenden Bürgern und Adeligen, um sie um Almosen zu bitten. Daraus entwickelte sich das Sternsingen, das bis heute ein fixer Brauch rund um den Dreikönigstag ist. Pfarrkirche und Stadt profitierten von dieser Verquickung von Bildung und Kirche gleichermaßen. Die Qualität des Gottesdienstes und der Seelsorge waren damals kein alleiniges Interesse der Kirche, sondern Sache des Stadtrats. Innsbruck wollte wachsen und fähige Handwerker und Händler anlocken. Religion spielte eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und somit bei der Wahl des Wohnortes.

Mit der zunehmenden Bedeutung und den gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Stadt nach 1500 erfuhr, differenzierte sich auch das Bildungswesen. Mit dem Jesuitengymnasium, der Lateinschule, das im 16. Jahrhundert in Innsbruck eingerichtet wurde, verlor die Stadtschule an Bedeutung. Die nächste große Veränderung kam mit der frühen Aufklärung. Bis ins 18. Jahrhundert waren es ausschließlich Buben, die in den Genuss schulischer Bildung kamen. Eine eigene Schule für Mädchen entstand erst im 17. Jahrhundert dank der großzügigen Stiftung von Graf Hieronymus Bernardo Ferrari d´Occhieppo an den Ursulinenorden. Deutsche Schulen, die sogenannten Normalschulen, zum Beispiel in St. Nikolaus, machten der ersten Stadtschule nach und nach in der Zeit der Reformation Konkurrenz. Mit den Neuerungen der Theresianischen Schulordnung entfernte sich die Stadtschule nicht nur gedanklich, sondern auch örtlich von der Kirche weg und übersiedelte an das andere Ende der Altstadt.

Glaube, Kirche und Obrigkeit

Die Fülle an Kirchen, Kapellen, Kruzifixen, Statuen und Malereien im öffentlichen Raum wirkt auf viele Besucher Innsbrucks aus anderen Ländern eigenartig. Nicht nur Gotteshäuser, auch viele Privathäuser sind mit Darstellungen Jesu, Marias, Heiliger und biblischen Szenen geschmückt. Der christliche Glaube und seine Institutionen waren in ganz Europa über Jahrhunderte alltagsbestimmend, Innsbruck als Residenzstadt der streng katholischen Habsburger und Hauptstadt des selbsternannten Heiligen Landes Tirol wurde bei der Ausstattung mit kirchlichen Bauwerkern besonders reich beglückt. Kirchen sind in Zahl und Dimension umgelegt auf die Verhältnisse vergangener Zeiten gigantische Erscheinungen im Stadtbild. Innsbruck mit seinen etwa 5000 Einwohnern besaß im 16. Jahrhundert mehrere Kirchen, die in Pracht und Größe jedes andere Gebäude überstrahlte, auch die Paläste der Aristokratie. Das Kloster Wilten war ein Riesenkomplex inmitten eines kleinen Bauerndorfes, das sich darum gruppierte.

Die räumlichen Ausmaße der Gotteshäuser spiegelt die Bedeutung im politischen und sozialen Gefüge wider. Die Kirche war für viele Innsbrucker nicht nur moralische Instanz, sondern auch weltlicher Grundherr. Der Bischof von Brixen war formal hierarchisch dem Landesfürsten gleichgestellt. Die Bauern arbeiteten auf den Landgütern des Bischofs gleich wie auf den Landgütern eines weltlichen Fürsten. Der Klerus hatte die Steuer- und Rechtshoheit über seine Untertanen. Die kirchlichen Grundbesitzer galten vielfach sogar als besonders fordernd gegenüber ihren Untertanen. Gleichzeitig war es auch in Innsbruck der Klerus, der sich in großen Teilen um das Sozialwesen, Krankenpflege, Armen- und Waisenversorgung, Speisungen und Bildung sorgte. Der Einfluss der Kirche reichte in die materielle Welt ähnlich wie es heute der Staat mit Finanzamt, Polizei, Schulwesen und Arbeitsamt tut. Was uns mittlerweile Demokratie, Parlament und Marktwirtschaft sind, waren den Menschen vergangener Jahrhunderte Bischof, Bibel, christliche Erbauungsliteratur und Pfarrer: Eine Realität, die die Ordnung aufrecht hält.

Zu glauben, alle Kirchenmänner wären zynische Machtmenschen gewesen, die ihre ungebildeten Untertanen ausnützten, ist nicht richtig. Der Großteil sowohl des Klerus wie auch der Adeligen war fromm und gottergeben, wenn auch auf eine aus heutiger Sicht nur schwer verständliche Art und Weise. Es war nicht der Fall, dass jedem Aberglauben blind nachgegeben wurde und Menschen willkürlich auf anonyme Anzeigen hingerichtet wurden Verletzungen der Religion und Sitten wurden in der späten Neuzeit vor weltlichen Gerichten verhandelt und streng geahndet. Die Anklage bei Verfehlungen lautete Häresie, worunter eine Vielzahl an Vergehen zusammengefasst wurde. Sodomie, also jede sexuelle Handlung, die nicht der Fortpflanzung diente, Zauberei, Hexerei, Gotteslästerung – kurz jede Abwendung vom rechten Gottesglauben, konnte mit Verbrennung geahndet werden. Das Verbrennen sollte die Verurteilten gleichzeitig reinigen und sie samt ihrem sündigen Treiben endgültig vernichten, um das Böse aus der Gemeinschaft zu tilgen. Bis in die Angelegenheiten des täglichen Lebens regelte die Kirche lange Zeit das alltägliche Sozialgefüge der Menschen. Kirchenglocken bestimmten den Zeitplan der Menschen. Ihr Klang rief zur Arbeit, zum Gottesdienst oder informierte als Totengeläut über das Dahinscheiden eines Mitglieds der Gemeinde. Menschen konnten einzelne Glockenklänge und ihre Bedeutung voneinander unterscheiden. Sonn- und Feiertage strukturierten die Zeit. Fastentage regelten den Speiseplan. Familienleben, Sexualität und individuelles Verhalten hatten sich an den von der Kirche vorgegebenen Moral zu orientieren. Das Seelenheil im nächsten Leben war für viele Menschen wichtiger als das Lebensglück auf Erden, war dies doch ohnehin vom determinierten Zeitgeschehen und göttlichen Willen vorherbestimmt. Fegefeuer, letztes Gericht und Höllenqualen waren Realität und verschreckten und disziplinierten auch Erwachsene.

Während Teile des Innsbrucker Bürgertums von den Ideen der Aufklärung nach den Napoleonischen Kriegen zumindest sanft wachgeküsst wurde, blieb der Großteil der Menschen weiterhin der Mischung aus konservativem Katholizismus und abergläubischer Volksfrömmigkeit verbunden. Religiosität war nicht unbedingt eine Frage von Herkunft und Stand, wie die gesellschaftlichen, medialen und politischen Auseinandersetzungen entlang der Bruchlinie zwischen Liberalen und Konservativ immer wieder aufzeigten. Seit der Dezemberverfassung von 1867 war die freie Religionsausübung zwar gesetzlich verankert, Staat und Religion blieben aber eng verknüpft. Dank des Konkordats zwischen Papst und Kaiser von 1855 waren Eherecht und Schulwesen unter der Kontrolle der katholischen Kirche. Erst unter dem Druck der Liberalen im Parlament begannen diese Bastionen des sozialen Alltags vieler Menschen zu bröckeln, besonders in Tirol blieb das Wort des Pfarrers aber sakrosankt. In der Ersten Republik kam es zum konservativen Backlash. Der christlich-soziale, als Eiserner Prälat in die Geschichte eingegangen Ignaz Seipel schaffte es in den 1920er Jahren bis ins höchste Amt des Staates. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß sah seinen Ständestaat als Konstrukt auf katholischer Basis als Bollwerk gegen den Sozialismus. 1933 wurde das Konkordat mit dem Vatikan erneuert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Tirol Kirche und Politik in Person von Bischof Rusch und Kanzler Wallnöfer ein Gespann. 1957 bestätigte die Regierung der Zweiten Republik das Abkommen, das bis heute formell Gültigkeit besitzt. Erst in den 1970ern begann eine ernsthafte Trennung von Kirche und Staat. Die Kirchenaustritte der letzten Jahrzehnte haben der offiziellen Mitgliederzahl zwar eine Delle versetzt und Freizeitevents werden besser besucht als Sonntagsmessen. Glaube und Kirche haben noch immer ihren fixen Platz im Alltag der Innsbrucker, wenn auch oft unbemerkt. Die römisch-katholische Kirche besitzt aber noch immer viel Grund in und rund um Innsbruck, auch außerhalb der Mauern der jeweiligen Klöster und Ausbildungsstätten. Etliche Schulen in und rund um Innsbruck stehen ebenfalls unter dem Einfluss konservativer Kräfte und der Kirche. Und wer immer einen freien Feiertag genießt, ein Osterei ans andere peckt oder eine Kerze am Christbaum anzündet, muss nicht Christ sein, um als Tradition getarnt im Namen Jesu zu handeln.