Von Maultasch, Habsburgern und dem Schwarzen Tod

Rudolfsbrunnen Innsbruck Bozner Platz
Von Maultasch, Habsburgern und dem Schwarzen Tod

Zwischen dem letzten Grafen von Andechs und dem ersten Tiroler Landesfürsten aus dem Haus Habsburg lagen 115 bewegte Jahre der Innsbrucker Stadtgeschichte. Nach dem letzten Andechser lenkten die Grafen von Tirol für etwa 100 Jahre die Geschicke des Landes und somit zu einem guten Teil auch der Stadt Innsbruck.

Meinhard II. von Tirol (1239 – 1295) konnte mit geschickter Politik und etwas Glück sein Territorium vergrößern. Er schaffte es den Flickenteppich am Gebiet des heutigen Tirols von seiner Stammburg in Meran aus zu einem einheitlicheren Ganzen zu einen. Meinhard stützte sich auf eine moderne Verwaltung. Dabei zu Rate waren ihm florentinische Kaufleute und Bänker, damals die modernsten Business Consultants Europas. Um eine gewisse Rechtssicherheit zu schaffen, ließ er ein kodifiziertes Landrecht erarbeiten. Erstmals wurden auf Tiroler Raum einheitlich alle Besitzungen in einem Urbar gesammelt. Meinhard brach die bischöfliche Münzhoheit und ließ Münzen mit dem Tiroler Adler als Wappen nach italienischem Vorbild prägen. Das beschnitt die faktische Macht der Kirche. Die Bischöfe von Brixen und Trient waren zwar noch Landbesitzer und Grundherren, ihre Lehen waren aber nur noch formal vorhanden. 1254 war erstmals nicht mehr vom Land im Gebirge, sondern von der offiziellen Dominium Tirolis, der Herrschaft Tirol, die Rede. Seine letzte Ruhestätte fand er im Stift Stams, wo heute Tirols Wintersportelite ausgebildet wird.

Sein Sohn und Nachfolger als Tiroler Landesfürst, Herzog Heinrich von Kärnten (1265 – 1335), zählte als König von Böhmen zu den wichtigsten Adeligen im Heiligen Römischen Reich. Heinrich war dank seiner Besitzungen in Südosteuropa einer der mächtigsten Fürsten. Er war ein eifriger Förderer der Städte, deren Bedeutung er erkannte. In Innsbruck förderte er den Bau des Bürgerspitals in der Neustadt. Ein männlicher Nachfolger allerdings war ihm nicht beschieden gewesen. Noch vor seinem Tod hatte Heinrich aber sichergestellt, dass seine Tochter Margarethe seine Nachfolge antreten konnte.

Seine Tochter Margarethe von Tirol-Görz (1318 – 1369) folgte ihm mit 17 Jahren als Landesfürstin nach. Die junge Frau geriet so in den Strudel der mächtigsten Geschlechter ihrer Zeit: Habsburg, Wittelsbach und Luxemburg. Mit zweien davon ging sie eine eheliche Verbindung ein, der dritten sollte sie am Ende ihrer Regentschaft das Land Tirol und damit auch die Stadt Innsbruck vererben.

Nach dem Tod ihres Vaters wurde sie mit Johann Heinrich aus dem Hause Luxemburg, dem Sohn des neuen Königs von Böhmen verheiratet. Johann Heinrich war noch jünger als seine Gattin und diente lediglich als Fuß in der Tür seines Vaters am Tiroler Fürstenthron. Den Habsburgern und Wittelsbachern war er ein Dorn im Auge, ebenso dem lokalen Adel. Seine Regentschaft war ein Desaster. In den an florentinischen Finanziers verpachteten Haller Salinen, neben den Zöllen das Herzstück der Tiroler Wirtschaft, kam es zu Streiks. Trotz der finanziellen Probleme soll die Hofhaltung des als infantil geltenden Johann Heinrichs verschwenderisch gewesen sein.

Kurzerhand wurde er von den Tiroler Ständen 1341 mit der Unterstützung des Kaisers Ludwig, einem Wittelsbacher, in einem gemeinsam mit Margarethe geplanten Putsch aus dem Land vertrieben. Die als schön, aber aufbrausend, herrschsüchtig und sexuell unersättlich beschriebene Margarethe soll von der horizontalen Performance ihres kindlich-schwächlichen Gatten wenig angetan gewesen sein. Er soll seiner Gattin während eines missglückten Beischlafes in die Brustwarzen gebissen haben. Ein dem Kaiser wohlgesonnener Chronist der Zeit sprach von Johann Heinrichs „inpotencia coeundi“, hervorgerufen wohl durch seine jugendliche Unreife.

Geschickt wurden diese Neuigkeiten im Reich gestreut, um dem Kaiser die Möglichkeit zu geben seinen Sohn Ludwig von Brandenburg als Ehemann Margarethes und somit als Fürst des wichtigen Transitlandes Tirol einsetzen. Der als Tiroler Eheskandal in die Geschichte eingegangen Putsch zog weite Krise. Sogar der bis heute bekannte Philosoph und Papstkritiker William von Ockham nahm dazu Stellung. Das Problem war nicht nur die Scheidung an und für sich, sondern dass Margarethe zum Zeitpunkt ihrer zweiten Hochzeit von ihrem ersten Ehemann nicht geschieden war. Dem Kaiser und seiner Anhängerschaft galt die Ehe zwischen dem als impotent geltenden Johann Heinrich und Margarethe als nicht vollzogen und somit nichtig.

Die vierte bedeutende politische Macht Mitteleuropas dieser Zeit, der Papst, sah das anders. Papst Benedikt XII. belegte den Kaiser und dessen Sohn wegen der „unheiligen“ Ehe zwischen der Tiroler Landesfürstin Margarethe und dem Wittelsbacher Ludwig mit einem Bannfluch. Neben den moralischen Bedenken hatte der Papst auch politische Gründe dafür. Sowohl er als auch die Habsburger standen in kriegerischem Konflikt mit dem Wittelsbacher Kaiser und wollten so den Einfluss dieser Dynastie schwächen.

Dieses Interdiktum war für die Menschen im Mittelalter eine der härtesten Strafen. Es verbot in den Kirchen des Landes das Abhalten von Messen und die Erteilung der Kommunion. Es war wohl in dieser Zeit, dass Margarethe vom Volk den Spitznamen Maultasch verpasst bekam und als besonders hässlich beschrieben wurde. Zeitgenössische Portraits, die auf einen deformierten Mund hinweisen würden, sind nicht vorhanden. Die Bilder, die wir heute von Margarethe Maultasch haben, stammen frühestens aus dem späten 15. Jahrhundert, als der mittelalterliche Eheskandal erstmals historisch nachbearbeitet wurde.

Die Regierungszeit Margarethes war von Krisen gekennzeichnet, für die sie zwar nichts konnte, die ihr aber trotzdem angelastet wurden. Das 14. Jahrhundert brachte eine Klimaerwärmung, die eine Heuschreckenplage zur Folge hatte. Auch in Tirol kam es infolgedessen zu Missernten und Hungersnöten. Damit nicht genug. Von 1348 bis 1350 suchte die Pest Europa heim. Von Venedig aus über Trient und das Etschtal kam die Krankheit nach Innsbruck. Der Schwarze Tod dezimierte die Bevölkerung dramatisch. In manchen Teilen Tirols verringerte sich die Einwohnerzahl um mehr als die Hälfte. Nicht nur die Anzahl der Toten, auch die grauenhafte Art und Weise wie die Opfer unter großen Schmerzen und körperlicher Deformation starben, hinterließ einen Eindruck bei der frommen Bevölkerung. Viele Informationen zum Ausbruch der Pest in Innsbruck sind in den Archiven dazu nicht zu finden, die Folgen der Seuche waren aber wie in ganz Europa verheerend. Eine an der Pest erkrankte Innsbruckerin sprach in ihrem Testament vom „gemeinen Sterben, das im Land umgeht“.

Die Menschen konnten sich Phänomene wie Missernten und Pest nicht erklären. Viele sahen die Verödung des von Kriegen, Seuche und Klima geplagten Landes als Folge des päpstlichen Bannfluches und Strafe Gottes an und machten Margarethe und ihren Ehemann Ludwig dafür verantwortlich. Die Gründe für Krankheit und Elend waren tatsächlich wohl außerhalb päpstlicher Bannflüche und Propaganda zu finden. Innsbruck besaß wie viele Städte weder gepflasterte Straßen noch gab es ein Abwassersystem oder Trinkwasserversorgung. Tiere und Menschen teilten sich den engen Platz innerhalb der Stadtmauern. Die Lebensbedingungen waren unhygienisch.

1350 wurde zum ersten Mal das Untere Stadtbad in der heutigen Badgasse erwähnt. Bäder dienten nicht nur zur Reinigung, hier erfolgte die medizinische Versorgung nach damaligen Standards beim Bader. Bader waren fahrende oder ortsansässige Heilkundige, die Kranke behandelten, Wunden nähten oder Zähne zogen. Übernatürliches galt als real, auch in der medizinischen Versorgung. Der wissenschaftliche Ansatz der wenigen Ärzte dieser Zeit war dem der praxisorientierten Bader nicht unbedingt überlegen. Die gängige Lehrmeinung bis in die Neuzeit an Universitäten war die Vier-Säfte-Lehre. Im Körper gab es laut dieser These ein Gleichgewicht von Blut, Schleim, schwarzer Galle und gelber Galle. Ein Ungleichgewicht dieser Säfte führt zu Krankheit. Das Gleichgewicht wurde durch gotteslästerliche Lebensführung, falsche Ernährung, übertriebene sexuelle Aktivität oder Miasmen in der Luft gestört. Auch Wasser stand im Verruf, über die Haut einzudringen und das Säfteverhältnis im menschlichen Körper durcheinanderzubringen, weshalb man nach dem Baden zur Ader gelassen werden sollte.

Nachdem Wittelsbacher, Luxemburger und Habsburger jahrzehntelang um Tirol gestritten hatten, kam es doch noch zum Happy End. Rudolf IV. aus dem Haus Habsburg intervenierte beim Papst und konnte 1359 die Aufhebung des Interdiktums gegen erhebliche finanzielle Gegenleistungen zu Lasten Margarethes und Ludwigs ausverhandeln. Im selben Zug soll auch eine Urkunde erstellt worden sein, die heute als Fälschung gilt: in diesem Schriftstück vermachte Margarethe das Land Tirol an Rudolf IV. und die Familie Habsburg.

Bald darauf trat dieser Erbfall ein. Ein Jahr nachdem Margarethes Gatte und Landesfürst Tirols Ludwig 1361 gestorben war, verschied auch ihr Sohn Meinhard III. Glaubt man der Geschichte Filippo Villanis, die allerdings erst um 1400 herum geschrieben wurde, soll die schon zu Lebzeiten als Kriemhild verschriene Margarethe gemeinsam mit einem Liebhaber an beiden Todesfällen nicht unschuldig gewesen sein. Margarethe übergab als Mutter des letzten Landesfürsten der Dynastie Tirol die Regierungsgeschäfte 1363 mit der Zustimmung des Tiroler Adels an Rudolf IV. (1339 – 1365) von Habsburg. Tirol war ein Teil des Herrscherhauses, das auch über das Erzherzogtum Österreich verfügte.

Die Herzöge von Bayern aus dem Haus Wittelsbach wollten diesen Erbvertrag nicht anerkennen, der ihre Ansprüche auf Tirol für nichtig erklärte. 1363 zogen sie Richtung Innsbruck, um das Recht mit Waffengewalt zu zurechtzubiegen. Rudolf IV. hatte allerdings wichtige lokale Adelige auf seine Seite gezogen. Die Urkunde, die das Tiroler Erbe bestätigten, waren vielleicht nicht echt, die realpolitischen Machtverhältnisse sprachen aber für die Habsburger. Die zum Wehrdienst verpflichteten Bürger Innsbrucks konnten die durch die Andechsburg und die Stadtmauer befestigte Stadt erfolgreich verteidigen. Es mag eine Ironie des Schicksals sein, dass es der Wittelsbacher Ludwig war, der als Landesfürst Tirols die Stadtmauern hatte erhöhen und verstärken lassen.

Mit dem Erwerb Tirols konnte die Familie Habsburg eine wichtige geographische Lücke innerhalb ihres Machtbereichs schließen. Durch die Eingliederung der Stadt in das wesentlich größere Territorium der Habsburger gewann Innsbruck zusätzlich an Bedeutung, während die eigentliche Hauptstadt Meran weiter an den Rand gedrängt wurde. Neben dem Nord-Süd Transport von Waren, war die Stadt am Inn nun auch zu West-Ost Verkehrsknoten zwischen den östlichen Österreichischen Ländern und den alten Besitztümern der Habsburger im Westen geworden.

Für die Überlebenden der großen Pestwelle von 1348 kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in ganz Europa. Arbeitskraft war durch die geschrumpfte Bevölkerung rar geworden, dafür waren pro Kopf größere Ressourcen vorhanden. Für diejenigen Innsbrucker, die die turbulente erste Hälfte des 14. Jahrhunderts überlebt hatten, sollten bessere Zeiten anbrechen.

An Margarethe Maultasch und ihre Ehemänner erinnert in Innsbrucks Stadtbild kaum etwas, war ihre Zeit doch von politischen und wirtschaftlichen Nöten geprägt. Die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Pest brachten die Zolleinlagen fast zum Erliegen. Für großartige Bauwerke war kein Geld vorhanden. Innsbruck war auch noch nicht Residenzstadt.

Lebendig ist sie aber in Erinnerungen und Legenden. Margarethe „Maultasch“ zählt zu den bekanntesten weiblichen Figuren der Tiroler Geschichte. Widersprüchliche, von verschiedenen Interessen motivierte Berichte, die über sie bereits zu Lebzeiten verfasst wurden, geben Spielraum für Interpretation. Ihr Biographie taugt als Blaupause einer Figur der TV-Serie Games of Thrones. So soll sie bei der Verteidigung der Burg Tirol gegen ein heranrückendes veneto-lombardisches Heer mit „ungebrochenem Mut und männlicher Entschlossenheit“ und „mit einem geringen Häuflein von Kriegsknechen“ die Verteidigung geleitet und sogar einen Ausbruchsversuch aus der Stadt angeführt haben. Ihren Gegnern hingegen galt sie als mannstoller, unersättlicher und unmoralischer Vamp. Ob sie skrupellose Mörderin oder unschuldiger Spielball fremder Mächte war – wissen werden wir das wohl nie.

Margarethe und ihr Nachfolger auf dem Thron des Landesfürsten Rudolf IV. von Habsburg sind am Brunnen am Rudolfsbrunnen am Boznerplatz, dem ehemaligen Margarethenplatz, in Stein verewigt.

Sehenswürdigkeiten dazu…